Die dreißigjährige Bette muss erstmal verarbeiten, was gerade passiert ist: Mei, die Frau, die sie eigentlich gern als feste Freundin behalten würde, drängt ihr drei Monate Beziehungspause auf, damit Bette »sich auch einmal richtig ausleben kann«. Dass die daran überhaupt kein Interesse hat, ist erst einmal egal – und Bette war noch nie gut darin, zu sagen, was sie will. So landet sie schneller, als ihr lieb ist, auf diversen Dating-Apps und hat desaströse und nicht ganz so desaströse Begegnungen mit Menschen, die ihr dabei helfen sollen, mehr zu sich selbst und ihrer Queerness zu finden. Bald ereilt sie eine völlig unerwartete Erkenntnis: Ist ihre Vielleicht-bald-wieder-Freundin möglicherweise doch nicht ihre große Liebe, jetzt, da sich unbegrenzte Möglichkeiten bieten?

Dating, Begehren und Selbstfindung

Bette ist keine klassische Romanheldin. Sie ist unsicher, widersprüchlich und oft überfordert. Genau darin liegt ihre Stärke als Figur. Als sie sich in die queere Datingwelt stürzt, erlebt sie eine Reihe von Begegnungen, die zwischen Euphorie, Peinlichkeit und Enttäuschung schwanken. Kate Young beschreibt diese Erfahrungen mit viel Gespür für Authentizität. Dates verlaufen selten glamourös, Sexualität ist nicht immer erfüllend, und emotionale Nähe lässt sich nicht erzwingen.

Besonders überzeugend ist, wie der Roman das Thema Selbstfindung behandelt. Bette sucht nicht nur nach sexueller Erfahrung, sondern nach einem Verständnis von sich selbst: Was bedeutet Begehren? Wie fühlt sich Freiheit an? Und wo liegt die Grenze zwischen Neugier und Selbstverlust? Die Autorin zeigt, dass Identität kein festes Ziel ist, sondern ein Prozess, der von Irrtümern und Umwegen lebt.

Stilistisch ist Experienced leicht zugänglich, dialogreich und humorvoll, ohne ins Oberflächliche abzurutschen. Viele Szenen leben von feiner Beobachtung und einem trockenen Witz, der besonders dann funktioniert, wenn Bette ihre eigenen Erwartungen infrage stellt. Gleichzeitig wiederholen sich manche Dating-Situationen in ihrer Struktur, was stellenweise den Eindruck erweckt, die Geschichte trete auf der Stelle.

Liebe, Queerness und emotionale Verantwortung

Im Kern ist Experienced ein Roman über Liebe. Nicht als romantisches Ideal, sondern als komplexes Geflecht aus Nähe, Angst und Verantwortung. Die Beziehung zwischen Bette und Mei bleibt auch während der Pause emotional präsent und bildet den stillen Gegenpol zu den neuen Begegnungen. Dadurch entsteht eine spannende innere Spannung. Ist die Suche nach Erfahrung wirklich ein Fortschritt, oder dient sie nur der Flucht vor Bindung?

Kate Young gelingt es, Queerness selbstverständlich und differenziert darzustellen. Der Roman verzichtet auf didaktische Erklärungen und zeigt stattdessen eine Vielfalt an Lebensentwürfen, Beziehungsmodellen und Erwartungen innerhalb der queeren Community. Dabei wird deutlich, dass Freiheit nicht automatisch Erfüllung bedeutet und dass emotionale Reife mehr erfordert als sexuelle Offenheit.

Kritisch anzumerken ist, dass einige Nebenfiguren eher skizzenhaft bleiben und primär als Spiegel für Bettes Entwicklung dienen. Auch der erzählerische Rhythmus schwankt: Während manche Passagen sehr dicht und emotional sind, wirken andere bewusst beiläufig. Das ist stilistisch konsequent, könnte aber Leserinnen und Leser, die eine klar strukturierte Handlung erwarten, irritieren.

Fazit: Ein ehrlicher Roman über Erfahrung statt Perfektion

Experienced ist ein kluger, zeitgemäßer Roman über Begehren, Selbstzweifel und die Suche nach emotionaler Wahrheit. Kate Young erzählt keine makellose Liebesgeschichte, sondern eine, die sich tastend voranbewegt und gerade dadurch glaubwürdig wirkt. Trotz kleiner Längen überzeugt das Buch durch seine sensible Figurenzeichnung, seinen leisen Humor und seine offene Auseinandersetzung mit moderner Identität.

Wer einen queeren Liebesroman sucht, der weniger von Idealen als von echten Gefühlen handelt, findet in Experienced eine lesenswerte, ehrliche und berührende Geschichte. Eine, die zeigt, dass Erfahrung nicht immer Freiheit bedeutet, aber fast immer Erkenntnis.