Privat

[Gastbeitrag] 22.Juli 2016 – Der Tag, der für mich viel veränderte

Hallo ihr Lieben,

heute ist ein trauriger Jahrestag. Auch ich erinnere mich noch gut an diesen Tag. Aus einem Grund. Nathi. Eine gute Freundin und Mitarbeiterin meines Blogs.  Aus diesem Grund wollte ich ihr heute die Möglichkeit geben, das erlebte zu verarbeiten, nieder zu schreiben und mit euch zu teilen.

22. Juli 2016 – München

Es ist ca. 17:15 Uhr, als ich am Freitag, 22.07.2016 nach einem langen Arbeitstag aus der U-Bahn am Olympia-Einkaufszentrum aussteige. Die Sonne scheint, es ist tolles Wetter, alle freuen sich auf das Wochenende, erledigen ihre Einkäufe. Jugendliche tummeln sich im großen McDonalds gegenüber des OEZs und ich stehe einen Moment nachdenklich dort und überlege, ob ich noch schnell Kleinigkeiten einkaufe zum Kochen oder doch nicht. Nachdem ich mich dagegen entschieden hatte, da ich der Meinung war, ich hätte genug zum Essen zu Hause, trat ich den Heimweg an.

Meine Wohnung liegt hinterm McDonalds, ein Fußweg von allerhöchsten 5 Minuten. Tagtäglich gehe ich die Seitenstraße entlang, hole mir hin und wieder auf dem Heimweg etwas zu Essen oder im Sommer nengscheidnFrappe. Für mich war es bis zu diesem Zeitpunkt noch ein Freitag wie jeder andere im Jahr. Zu Hause warf ich die Sachen auf die Seite, schaute in meinen gähnend leeren Kühlschrank und schallte mich selbst eine Idiotin, da doch nichts zu Essen da war. Ein Blick auf die Uhr. Kurzerhand schnappte ich mein Handy, meinen Geldbeutel und verließ meine Wohnung um zum McDonalds zu gehen, als mein Handy klingelte. Meine Mutter. Augenrollend nahm ich das Telefonat an.

Die ersten Nachfragen

„Was ist bei euch los?“
Verwundert bei mir. Was sollte sein? „Wie meinst du das?“
„Hier fahren mehrere Polizeiwagen in eure Richtung. Es ist tierisch viel los!“
„Hm, hab nichts mitbekommen… Ich schau mal nach.“

Gesagt, getan. Es ist ca. 17:59 Uhr, als meine Straße von einem Sondereinsatzkommando gesperrt wird. Es ist ca. 18:05 Uhr, als die ersten Infos an mich herangetragen wurden.

„3 Männer mit Langwaffen!“ „TERRORANSCHLAG!!!“ „BLEIB ZU HAUSE!“

In meinem Kopf fing es an, sich zu drehen. Wir leben in einer Zeit, wo man solche Meldungen nicht mehr abtut. Terror ist allgegenwärtig, überall. Warum sollte es dann nicht auch München treffen? München ist eine Großstadt, multikulturell und gefundenes Fressen für gewisse Organisationen. Wenn du sowas erlebst, erlebst du Angst. Angst, die ich nicht beschreiben kann. Etwas, was man nicht in Worte fassen kann.

Meine ersten automatisierten Handlungen waren meine Familie, welche ebenfalls in Moosach wohnt und die Wahrscheinlichkeit, dass einer von uns sich zu besagtem Zeitpunkt im Einkaufszentrum befand, bestand, zu erreichen. Es dauerte einige Zeit, aber ich erhielt dann die Info, dass meine Familie in Sicherheit ist und ich bin heute noch der Meinung, dass wir einen Schutzengel hatten an diesem Tag, ehe sich langsam die Infos setzten und ich weitere Nachrichten bekam. Aus Russland, aus Amerika, aus Frankreich. Freunde, die wussten, wo ich wohne, kontaktierten mich. Arbeitskollegen schrieben mich an, ob ich weitere Infos habe.

Es ist 18:48 Uhr, als ich zum ersten Mal den Heli höre. Ebenfalls laufen immer mehr SEKler um mein Wohnhaus herum. Es gab bereits mehrere Falschmeldungen in Bezug auf etwaige Schüsse am Stachus, in unserer Stadt. Von 20 Toten ist die Rede – genaue Infos? Fehlanzeige! Social Media explodiert, Leute eskalieren, Panik macht sich breit.

Die Angst als Begleiter

Ich sitze zu Hause, meine Nachbarin und gute Freundin ist zu mir rübergekommen. Angst ist seit einer Stunde unser Begleiter. Ich weiß nicht mehr, wann die Information kam, dass es ein Einzeltäter war. Ich weiß nur, dass ich telefoniert habe. Manche Dinge habe ich einfach ausgeblendet. Um 19:23 Uhr tobt es vor meiner Haustür. Polizisten schreien herum: „Lauf ins Haus! LAUF INS HAUS!“ – man merkt zu diesem Zeitpunkt, dass selbst unsere Polizei noch keine tatsächlichen Anhaltspunkte hatte, um was es sich handelte. Amok? Terror?

Eine weitere Stunde vergeht. Ich höre einen Schuss – gehe davon aus, dass es sich um unser Sondereinsatzkommando vor der Haustür handelt – zucke zusammen. Ich telefoniere immer noch, bekomme immer noch Anrufe. Immer noch gibt es keine weitere Klarheit. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich eine solche Angst, dass ich mich nur noch verbarrikadieren wollte. Ich erinner mich noch daran, dass ich gesagt habe, dass ich am Montag nicht zur Arbeit gehen werde. Zu groß war die Belastung und zu groß war die Angst. Angst, wieder am OEZ vorbei zu gehen. Angst, dass es doch mehrere Täter sind.

Weitere Stunden vergehen. Es ist ca. 21:20 Uhr, als die Tankstelle evakuiert wird. Zur gleichen Zeit tobt draußen vor meinem Fenster weiterhin die Polizei. Mittlerweile berichten mehrere Sender über die Ausnahmesituation. Ich hatte den Sender laufen, der direkt auf die Tankstelle an der Kreuzung Hanauer-/ Lassallestr. gezeigt hat, die evakuiert wurde. Ich konnte von meinem Fenster aus beobachten, wie die Einsatzwägen hin und her fuhren, bevor sie im Fernsehen auftauchten. Unsere Straße ist immer noch komplett gesperrt.

Soweit ich mich erinnere, gab es zu diesem Zeitpunkt bereits die Information, dass sie einen weiteren Toten gefunden haben. Er lag in einer Straße, ca. 600 Meter vom OEZ und Tatort entfernt. Die kleine Seitenstraße liegt direkt gegenüber der Tankstelle. Das es sich aber hierbei um den Täter handelte, wusste man noch nicht. Oder ich nicht. Ich weiß es nicht mehr genau, weil teilweise die Erinnerungen an diesen Tag verschwommen sind. Man erinnert sich nur noch an die Kernsachen, daran, was elementar wichtig gewesen ist und hängen blieb.

Die Polizei tut ihr bestes

Es war ca. 23:30 Uhr, als – von mir gezählt 11 – Polizisten (eventuell sogar SEK) durch unseren Vorgarten laufen und kurz darauf in unser Wohnhaus eintreten. Ein ungutes Gefühl machte sich in mir breit und schnell hatte ich eine kleine Tasche zusammengepackt, für den Notfall. Ich beobachte, wie immer mehr Anwohner aus den oberen Stockwerken unser Wohnhaus verlassen. Evakurierten sie nun uns? Ist der hier? (Dazu sei gesagt, dass ich im Nachgang, ein paar Tage später, von unseren Nachbarn aus den oberen Stockwerken erfahren habe, dass sie tatsächlich evakuiert worden sind) Was passiert jetzt?

Es ist ca. 00:30 Uhr, als es an unseren Türen polterte. Da meine Nachbarin bei mir war, hatte ich vorsichtig die Tür geöffnet und die Polizisten informiert, dass sich diese bei mir befindet. Es dauerte nicht lange und in meiner kleinen, 27qm Wohnung standen Polizisten mit scharfen Langwaffen und befragten uns. Was hatten wir gesehen? Wie viel wussten wir? Da meine Nachbarin zwei Hunde besitzt habe ich nachgefragt, ob wir diese kurz pinkeln lassen gehen können. Immerhin waren wir mittlerweile 6 Stunden eingesperrt. Die Aussage werde ich nie vergessen: „Im Moment? Ja, aber schnell. Es stehen noch Leute von uns unten. Kurz aufs Klo und dann sofort in die Wohnung zurück.“ – Hm. Gefahr also noch nicht vorüber?

Fast forward: 365 Tage später.

Das letzte Jahr habe ich viel darüber nachgedacht, was damals passiert war und auch noch viel herausgefunden. Ich bin in Moosach aufgewachsen, das hier ist mein zu Hause. Aber dennoch geht man mittlerweile mit einem anderen Gefühl durch die Straßen.

Ich hab immer noch teilweise Anfälle von Angst, Unbehagen und Unwohlsein. Wenn Sirenen losgehen, die nicht aufhören, dann verfalle ich in einen kurzzeitigen Schock und brauche einen Moment. Es wird nie wieder so sein, wie es mal gewesen ist. Ein Jahr lang lagen Blumenkränze und Bilder von den Opfern am OEZ. Auch der Umbau des McDonalds hat nicht viel geholfen. Ich habe bis heute noch keinen Fuß in den oberen Bereich gesetzt, einfach, weil sich da in mir etwas sperrt. Allgemein meide ich den McDonalds eher. Klar, hin und wieder holt man sich doch wieder einen Kaffee, einen Burger… Aber ich halte mich dort nicht mehr so auf, wie ich es einst getan habe. Man sieht die Menschen anders an, wenn man durch die Straßen läuft und nein, das liegt nicht nur am Amoklauf, sondern dem allgemeinen Terror, der in unserem Land herrscht.

Es gibt verschiedene Arten der Angst

Ich weiß, dass es Leute gibt, die an diesem Tag schlimmeres gesehen und erlebt haben. Immerhin bin ich nur eine Anwohnerin, die hier aufgewachsen ist. Aber wenn ich darüber nachdenke, wie es mir geht, dann wünsche ich all denen, die diesen Tag intensiver als ich erlebt haben, viel Kraft. Es ist nicht einfach. Auch den Angehörigen der Opfer wünsche ich viel Kraft. Ich habe meine Schwester selbst vor 9 Jahren verloren, zwar nicht durch einen Amoklauf, aber ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn ein Mensch einfach so aus eurem Leben gerissen wird. Da hilft auch ein Denkmal nichts, denn das bringt den Menschen nicht zurück. Aber es ist eine nette Geste und damit werden die Menschen, die ihr Leben auf so unfaire Weise verloren haben, nie vergessen werden.

Es ist der 22. Juli 2017. Ein Jahr später. Vieles hat sich verändert. Viel hat sich für mich verändert. Bei dem ganzen Terror der herrscht, wird sich auch weiterhin viel ändern, aber so etwas live und hautnah mitzuerleben, dass macht etwas mit dir, was ich nicht beschreiben kann. Ich werde den Tag nie vergessen. Aber ich versuche mich nicht mehr von meiner Angst einnehmen zu lassen, wie ich es am Anfang getan habe. Irgendwie muss es ja weitergehen, oder nicht?

In diesem Sinne: in Gedenken an die Opfer, die Angehörigen und die Menschen, dessen Leben sich an einem einzigen Tag komplett verändert hat. Hört trotzdem nicht auf zu kämpfen und zu leben. Zeit heilt zwar keine Wunden, aber es wird einfacher mit der Zeit.

 

You may also like...

Leave a Reply

Your email address will not be published.