Im Paradies, am Anfang der Zeit, beginnt die große Lüge: Frauen sind Männern untergeordnet. 

Lilith und Adam leben gemeinsam im Garten Eden. Als Adam verlangt, dass Lilith als seine Frau seinem Willen gehorchen soll, weigert sie sich - und wird aus dem Paradies vertrieben. Zornig sieht Lilith, wie Gott Eva erschafft, die Frau, die nur Unterordnung kennt. Denn Lilith erinnert sich noch an Asherah, die einst mächtige Ur-Göttin. Doch sie ist verschwunden. Zusammen mit dem Erzengel Samael bricht Lilith auf, die Göttin zu finden und die Frauen aus der Unsichtbarkeit zurück ins Licht der wahren Geschichte zu führen.

Eine neue Stimme im Mythos: Lilith erzählt selbst

Mein Name ist Lilith ist ein fesselnder Roman von Nikki Marmery, der die Schöpfungsgeschichte aus einer radikal anderen Perspektive erzählt. Nämlich aus der Sicht von Lilith, der legendären ersten Frau Adams. Statt der traditionellen Darstellung einer dienenden Gefährtin entwirft Marmery eine Lilith, die sowohl stark als auch widersprüchlich ist. Die sagt, was sie denkt, und sich nicht einfach den herrschenden Erklärungen fügt. Die Autorin nimmt sich im Buch viel Zeit, um Lilith als komplexe Figur zu zeichnen: leidenschaftlich, intelligent, verletzlich und zutiefst menschlich. Obwohl sie eine unsterbliche Existenz führt.

Die Geschichte beginnt im Garten Eden, wo Lilith und Adam auf Augenhöhe geschaffen werden. Doch bald entspinnt sich ein Konflikt um Gleichberechtigung, als Adam verlangt, dass Lilith sich unterordnet. Lilith weigert sich. Und wird aus dem Paradies verbannt. Diese zentrale Entscheidung setzt den roten Faden des gesamten Romans, der nicht nur Liliths Weg nach der Vertreibung verfolgt, sondern auch die grundlegende Frage nach Macht, Glaube und Identität thematisiert.

Was Marmery dabei sehr bewusst macht, ist, dass dieser Roman weit mehr als nur eine simple Neuerzählung von Bibelmotiven ist. Sie spinnt ein Geflecht aus mythologischen, historischen und spekulativen Elementen, das Lilith durch unterschiedliche Epochen begleitet und in Beziehung setzt zu anderen prägenden Figuren wie Eva, Asherah oder biblischen Gestalten wie Noah und Jezebel. Diese Mischung aus Mythos und Fiktion verleiht dem Buch eine ungewohnte Tiefe und eröffnet neue Blickwinkel auf alte Geschichten.

Feministische Neuerzählung zwischen Mythos und Moderne

Ein zentrales Element des Romans ist der Feminismus, der auf vielschichtige Weise durch den Text schimmert. Lilith selbst tritt als Stimme des Widerstands gegen patriarchale Strukturen auf und weigert sich, alte Dogmen einfach hinzunehmen. Sie hinterfragt traditionelle Glaubensbilder, setzt sich für Gleichheit ein und sucht nach einer Art kosmischer Gerechtigkeit. Oft mit kompromisslosen Aussagen, die zum Nachdenken einladen.

Die Darstellung von Lilith als jemandem, der sich nicht unterordnet, wird nicht einfach nur gefeiert, sondern auch kritisch beleuchtet. Sie ist nicht perfekt, sie ist wütend, leidet unter Isolation und Zweifeln und muss sich immer wieder selbst behaupten. Dieser facettenreiche Blick macht die Figur zugleich faszinierend und herausfordernd. Für Leser, die klassische Mythen lieben, bietet das Buch daher eine lohnende, wenn auch anspruchsvolle Auseinandersetzung mit alten Erzähltraditionen und ihrer modernen Interpretation.

Sprache und Erzählstrucktur

Ein weiterer Pluspunkt des Romans ist die Art, wie er mit Sprache und Erzählstruktur spielt. Marmery nutzt eine erzählerische Stimme, die einer Chronik ähnelt. Mal episch, mal intim, mal philosophisch. Dieser Stil verstärkt das Gefühl, Teil einer großen, alten Geschichte zu sein, die neu gelesen wird. Ein solcher Ansatz macht das Buch literarisch interessant, kann aber auch anspruchsvoll wirken, da er Tempo und Erwartungshaltungen herausfordert.

Gleichzeitig gelingt es der Autorin, den Fokus nicht nur auf den historischen oder mythologischen Kontext zu legen. Sondern auch zeitgenössische Fragen von Macht, Unterdrückung und Identität einfließen zu lassen, ohne dass diese wie ein Fremdkörper wirken. Liliths Suche nach Asherah, einer uralten Göttin und Spiegel ihrer eigenen Sehnsucht nach Anerkennung und Wahrheit, wird zur Metapher für den Versuch, verdrängte Geschichten wieder sichtbar zu machen.

Das Buch schafft es, den Leser emotional zu packen, ohne dabei in klischeehafte Empowerment-Formeln zu verfallen. Stattdessen wird die Suche nach Selbstbestimmung und Würde in all seiner Komplexität gezeigt, mit all den Rückschlägen, Zweifeln und Momenten der Klarheit, die damit einhergehen. Gerade dieser Balanceakt verleiht der Erzählung eine bemerkenswerte Substanz und macht sie zu einem Werk, über das man auch nach dem Lesen noch nachdenken möchte.

Fazit

Mein Name ist Lilith ist ein ambitionierter und literarisch anspruchsvoller Roman, der klassische religiöse Motive neu deutet und dabei eine starke, vielschichtige Frauenfigur ins Zentrum stellt. Nikki Marmery schafft es, historische, mythologische und zeitgenössische Themen zu verknüpfen und sie in eine erzählerisch dichte Form zu bringen, die gleichermaßen zum Nachdenken wie zum Eintauchen einlädt. Wer sich für alternative Perspektiven auf alte Geschichten, feministische Mythologie und große narrative Entwürfe interessiert, findet hier ein Buch, das provoziert, inspiriert und lange nachhallt.

Zugleich ist der Stil nicht unbedingt leicht zugänglich. Er fordert Geduld, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, sich auf eine andere Art des Erzählens einzulassen. Für Leser, die klassische Erzählstrukturen bevorzugen, könnte der Roman stellenweise herausfordernd wirken. Doch gerade diese kompositorische und thematische Ambition macht Mein Name ist Lilith zu einem bemerkenswerten Werk, das sich aus der Masse der aktuellen Belletristik hervorhebt und einen bleibenden Eindruck hinterlässt.