
In jeder Legende verbirgt sich ein Stück Wahrheit
Ausgerechnet Tokio! Leo kann es nicht fassen, dass er für sein Auslandssemester nach Japan geschickt wird. Dabei wollte er nichts mehr mit dem Heimatland seiner Eltern zu tun haben. Aber Leo bleibt keine andere Wahl, als sich ins Flugzeug zu setzen und ans andere Ende der Welt zu fliegen.
Dort lernt er die rätselhafte Naomi kennen. Eigentlich soll ihm die Kunststudentin nur die japanische Kultur näherbringen. Doch dann wird Leo Zeuge, wie Naomi einem mysteriösen Mann auf den Fersen ist, der als Tengu – ein japanisches Fabelwesen – verkleidet in Tokio sein Unwesen treibt.
Schon bald deckt Leo ein unglaubliches Geheimnis auf. Die Grenzen zwischen Realität und japanischer Mythologie verschwimmen, als er plötzlich in die Ereignisse verwickelt wird. Leo muss sich beeilen, wenn er den Tengu schnappen und eine Katastrophe verhindern will.

Ein Auslandssemester, das anders läuft als geplant
Bei Der Tengu von Tokio war ich vor allem neugierig auf die Mischung aus Japan und Fantasy. Der Titel hat schließlich schon ziemlich deutlich gemacht, dass da noch etwas anderes kommen muss. Trotzdem ist der Anfang erst einmal erstaunlich normal.
Leo kommt für ein Auslandssemester nach Tokio. Begeistert ist er davon nicht unbedingt. Dazu kommt, dass Japan für ihn nicht einfach irgendein fremdes Land ist. Seine eigene Verbindung dazu macht die ganze Sache komplizierter, als sie zunächst aussieht.
Das fand ich tatsächlich ziemlich interessant. Leo ist eben nicht der typische Charakter, der in Tokio aus dem Flugzeug steigt und sofort von allem begeistert ist. Er muss sich erst einmal mit der Stadt, den Menschen und vor allem mit sich selbst auseinandersetzen.
Dabei lernt man auch Tokio immer besser kennen. Es geht nicht nur um die großen Sehenswürdigkeiten, sondern viel mehr um Leos Alltag. Uni, neue Bekanntschaften, unterwegs sein und langsam versuchen, sich in einer riesigen Stadt zurechtzufinden. Gerade diese Stellen haben mir gut gefallen, weil dadurch ein Gefühl für den Ort entsteht.
Allerdings muss man sagen, dass der Anfang durchaus langsam ist. Es dauert eine Weile, bis man richtig im Buch an kommt.
Ich hatte zwischendurch schon den Gedanken, dass die Geschichte ruhig mal ein bisschen mehr Gas geben könnte. Wer wegen des Titels direkt eine große Fantasygeschichte erwartet, wird sich deshalb vermutlich erst einmal gedulden müssen.

Irgendwann stimmt etwas nicht mehr
Mit Naomi verändert sich die Geschichte. Zunächst scheint sie einfach eine weitere Person in Leos neuem Leben zu sein. Relativ schnell merkt man aber, dass bei ihr einiges nicht so einfach ist, wie es aussieht. Und dann wird es interessant.
Die japanische Mythologie nimmt immer mehr Platz ein und aus Leos eher gewöhnlichem Auslandssemester wird langsam etwas völlig anderes. Genau diesen Übergang fand ich gelungen. Die Geschichte springt nicht plötzlich von null auf hundert und wirft einem eine komplette Fantasiewelt vor die Füße. Stattdessen kommen die ungewöhnlichen Dinge Stück für Stück dazu.
Der Tengu selbst ist natürlich das große Fragezeichen. Vieles rund um ihn wird erst nach und nach klar, weshalb ich hier gar nicht zu viel verraten möchte. Ein Teil des Spaßes besteht schließlich darin, selbst herauszufinden, was eigentlich hinter der Sache steckt.
Besonders gefallen hat mir die Verbindung zwischen Tokio und den fantastischen Elementen. Die Stadt bleibt dabei immer präsent. Auf der einen Seite hat man das moderne Japan, auf der anderen Seite diese alten Geschichten und Wesen, die plötzlich mitten darin auftauchen. Das hat eine ziemlich schöne Atmosphäre.
Auch Leo wird im Laufe der Handlung interessanter. Seine Beziehung zu seiner Herkunft ist nicht gerade unkompliziert und genau das zieht sich durch die Geschichte. Es geht also nicht nur darum, dass er in ein mysteriöses Abenteuer stolpert. Er muss sich gleichzeitig mit seiner eigenen Identität beschäftigen. Manchmal ist er aber auch ein wenig komisch. Das werdet ihr beim Lesen vielleicht auch so sehen.

Nicht perfekt, aber ich wollte weiterlesen
Ganz ehrlich? Ich war am Anfang nicht sofort überzeugt. Der Einstieg ist mir etwas zu ausführlich und ich hätte mir gewünscht, dass die eigentliche Geschichte früher losgeht. Auch Leo hat es mir nicht immer leicht gemacht, ihn zu mögen. Einige seiner Reaktionen konnte ich nachvollziehen, bei anderen hätte ich ihn am liebsten kurz zur Seite genommen und gefragt, was er da eigentlich gerade macht.
Sobald die Mystery-Elemente stärker werden, wollte ich wissen, was dahintersteckt. Dazu kommt Naomi, bei der man ebenfalls lange nicht genau weiß, woran man eigentlich ist. Und natürlich die Frage, welche Rolle der Tengu wirklich spielt.
Die Fantasy ist dabei nicht übertrieben. Es geht nicht darum, möglichst viele fantastische Wesen und spektakuläre Szenen unterzubringen. Vielmehr entsteht das Fantastische aus der Welt, in der Leo sowieso schon lebt.
Besonders die Einbindung der japanischen Sagenwelt fand ich spannend. Man merkt, dass hier nicht einfach ein paar japanisch klingende Begriffe verwendet wurden, damit die Geschichte exotischer wirkt. Die Mythologie gehört tatsächlich zur Handlung.
Natürlich gibt es trotzdem ein paar Stellen, die sich ziehen. Das betrifft vor allem den ersten Teil. Später liest sich das Buch deutlich flüssiger und die Handlung bekommt mehr Tempo. Gerade, wenn dann der Tengu mehr Platz einnimmt.
Wer also einen actionreichen Fantasyroman erwartet, wird wahrscheinlich etwas enttäuscht sein. Wer dagegen Lust auf eine Geschichte mit Japan, Mystery und fantastischen Elementen hat, dürfte eher auf seine Kosten kommen.
Der . Nicht, weil alles perfekt war, sondern weil mir die Idee und vor allem die zweite Hälfte gut gefallen haben. Der Anfang hätte für mich kürzer sein dürfen, dafür hat mich die Geschichte später doch noch bekommen. Der Tengu von Tokio ist somit ein langsamer, aber solider Einstieg in die dreiteilige Reihe von Autor Nicholas Müller. Natürlich werde ich Band 2 und 3 auch noch kaufen.
