
Mit Ein fast perfekter Antrag versucht das deutsche Kino erneut, das Genre der romantischen Komödie für ein erwachsenes Publikum zu öffnen. Im Mittelpunkt steht ein Mann im fortgeschrittenen Alter, der nach Jahrzehnten den Mut fasst, seine große Jugendliebe wiederzufinden. Die Idee klingt vielversprechend. Eine späte Liebe, die zeigt, dass Gefühle keine Altersgrenzen kennen. Doch so charmant der Ansatz auch ist, so deutlich zeigen sich im Verlauf des Films erzählerische Schwächen, die verhindern, dass aus der Geschichte mehr wird als gepflegte Mittelmäßigkeit.
Der Film bewegt sich thematisch zwischen Nostalgie, Neuanfang und der Sehnsucht nach einem erfüllten Leben. Dabei greift er auf bekannte Motive der Liebesgeschichte zurück, ohne sie wirklich weiterzudenken. Schon früh wird klar, dass hier weniger Risiko eingegangen wird, als man sich von einem Stoff über verpasste Chancen und späte Entscheidungen wünschen würde.

Zwischen Erinnerung und zweiter Chance: Die Handlung im Überblick
Walter, ein verwitweter, rational denkender Mann, führt ein überschaubares Leben, das von Routinen und Kontrolle geprägt ist. Als er zufällig auf Alice trifft – seine Jugendliebe, die heute als selbstbewusste Künstlerin lebt –, gerät dieses Leben ins Wanken. Der Film entwickelt daraus eine klassische Geschichte der zweiten Chance, in der zwei Menschen prüfen, ob alte Gefühle im Hier und Jetzt noch Bestand haben können.
Das Grundproblem liegt weniger in der Handlung selbst als in ihrer Ausarbeitung. Der innere Konflikt zwischen Sicherheit und emotionalem Risiko wird zwar angedeutet, aber selten vertieft. Stattdessen reiht der Film vorhersehbare Situationen aneinander: das unbeholfene Wiedersehen, kleine Missverständnisse, harmlose Rückschläge. Alles wirkt vertraut, fast schon zu vertraut. Die Figurenzeichnung bleibt dabei erstaunlich oberflächlich. Walters Entwicklung vom kontrollierten Ingenieur zum offenen Liebenden erfolgt zu glatt, zu reibungslos, um wirklich glaubwürdig zu sein.
Gerade hier hätte der Film die Möglichkeit gehabt, die Herausforderungen des Älterwerdens, das Gewicht vergangener Entscheidungen und die Angst vor neuer Verletzlichkeit stärker zu thematisieren. Doch diese Themen bleiben meist an der Oberfläche, dekorativ angerissen, aber nie konsequent ausgearbeitet.

Schauspiel, Charme und das Problem der Klischees
Unbestritten ist, dass die Besetzung zu den großen Pluspunkten des Films gehört. Iris Berben verleiht ihrer Figur eine selbstverständliche Präsenz und zeigt überzeugend die Balance zwischen Unabhängigkeit und emotionaler Offenheit. Ihr Spiel bringt Wärme und Charme in viele Szenen, selbst dann, wenn das Drehbuch wenig Substanz bietet. Auch Heiner Lauterbach überzeugt in ruhigen Momenten, in denen Unsicherheit und leiser Zweifel sichtbar werden.
Dennoch können auch starke Darsteller nicht vollständig darüber hinwegtäuschen, dass das Drehbuch zu oft auf bekannte Klischees setzt. Der rational denkende Mann, der durch Kunst und Liebe „befreit“ wird, ist ein Motiv, das schon unzählige Male erzählt wurde. Die Nebenfiguren – insbesondere jüngere Studierende und Bekannte – fungieren meist nur als humorvolle Kontrastfolie, ohne eigene Tiefe zu entwickeln.
Der Humor des Films bewegt sich überwiegend im sicheren Bereich. Leichte Komik sorgt für ein angenehmes Seherlebnis, doch echte Überraschungen bleiben aus. Einige Gags wirken kalkuliert und verlieren durch Wiederholung an Wirkung. So entsteht der Eindruck eines Films, der niemandem wehtun, aber auch niemanden wirklich herausfordern möchte.

Fazit: Wohlfühlkino mit begrenzter Wirkung
Ein fast perfekter Antrag ist ein Film mit guten Absichten und einer sympathischen Grundidee. Er zeigt, dass Liebe auch im späteren Leben möglich ist und dass es sich lohnt, alte Ängste zu überwinden. In seinen besten Momenten entfaltet er eine leise, fast zärtliche Atmosphäre, die durchaus berühren kann.
Gleichzeitig bleibt der Film hinter seinem Potenzial zurück. Die Erzählstruktur ist vorhersehbar, die emotionale Tiefe begrenzt, und viele Konflikte werden zu schnell aufgelöst. Statt einer mutigen Auseinandersetzung mit Alter, Verlust und Neubeginn erhält man eine konventionelle Romantikkomödie, die sich stark an bewährten Mustern orientiert.
Für Zuschauerinnen und Zuschauer, die gemütliches Wohlfühlkino schätzen und keine großen Überraschungen erwarten, ist der Film durchaus empfehlenswert. Wer jedoch auf der Suche nach einer tiefgründigen, innovativen Auseinandersetzung mit Liebe und Lebensentscheidungen ist, dürfte enttäuscht sein. So bleibt Ein fast perfekter Antrag letztlich genau das, was der Titel verspricht. Fast gelungen, fast berührend – aber eben nicht ganz.